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Auf Kreditwürdigkeit reduziert

Studiengebühren

Studiengebühren-Freunde betonen zumeist, dass diese nur eingeführt werden sollen, wenn sie sozial verträglich gestaltet sind. Das jedoch ist reine Augenwischerei. Denn die soziale Verträglichkeit von allen Studiengebühren-Modellen, die in Deutschland diskutiert werden, reduziert sich bei näherem Hinsehen auf die Möglichkeit, nach dem Studium einen hohen Schuldenberg abtragen zu müssen.

Die Grundidee ist banal: Studierende, deren Eltern die Studiengebühren nicht direkt zahlen können, erhalten die Möglichkeit ein Darlehen aufzunehmen, das nach dem Studium zurückgezahlt werden muss. Da aber in Deutschland – anders als zum Beispiel in Australien – dieses Darlehen verzinst werden soll, kommen selbst bei vorerst relativ niedrigen Gebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester beachtliche Summen zusammen. So schwankt zum Beispiel im Studiengebühren-Modell Baden-Württembergs die Verschuldung für ein zehnsemestriges Studium (Bachelor und Master) je nach Höhe der monatlichen Rückzahlungsraten nach Berechnungen des ABS zwischen 7.500 und 11.000 Euro. Die Rückzahlungszeit liegt zwischen vier und 18 Jahren.

Nun halten aber überzeugte Gebühren-Befürworter genau dies für gerecht und sozial nicht fragwürdig. Denn, so die Begründung, schließlich hätten Akademiker ein höheres Durchschnittseinkommen als Nicht-Akademiker und so sei die Rückzahlung zum einen gut machbar und zum anderen gerecht, da die Akademiker schließlich wegen ihres Studiums ein höheres Durchschnittseinkommen hätten. Diese Argumentation verschweigt aber, dass es sich eben nur um ein Durchschnittseinkommen handelt. Warum es aber gerecht sein soll, dass einen Zahnarzt mit einem sechsstelligen Jahreseinkommen die gleiche Belastung treffen soll wie eine Sozialpädagogin, wird nicht beantwortet. Gerecht wäre es vielmehr, wenn über das bestehende System der Einkommenssteuer, in der Menschen, die tatsächlich mehr verdienen nicht nur absolut sondern auch prozentual mehr Steuern zahlen, um das Hochschulsystem zu finanzieren. Dann nämlich wäre sichergestellt, dass das tatsächlich verfügbare Einkommen über die Höhe der Zahlung entscheidet.

Ein Schuldenberg nach dem Studium wird aber zweifelsohne dazu führen, dass Kinder aus einkommensschwächeren Schichten der Weg an die Hochschule noch deutlicher erschwert wird. Zwar mag es sein, dass die Belastung objektiv im Berufsleben kein Problem sein kann, entscheidend für den Hochschulzugang ist aber die subjektive Bewertung der Chancen und Risiken. Und genau hier ist erwiesen, dass gerade Kinder aus einkommensschwächeren Schichten eine weitaus höhere Verschuldungsangst haben. So gaben zum Beispiel immerhin 25 Prozent der Studierenden aus ärmeren Familien, die prinzipiell Anspruch auf eine Förderung nach dem BAföG gehabt hätten, an, dieses nicht zu beantragen, weil die Angst vor der Verschuldung zu hoch sei. Allein die Debatte um die mögliche Einführung von Studiengebühren hat nach einer jüngsten Studie der Kultusministerkonferenz (KMK) dazu geführt, dass die Zahl der Studienanfänger zurückgegangen ist. Deutlich ist: Auch angeblich sozial verträgliche Darlehens- und Studiengebührenmodelle schrecken Kinder aus ärmeren Familien ab, dies zu leugnen wäre eine Verhöhnung der Betroffenen.

Nicht zuletzt aber sind diese Kredite oder Darlehen auch bildungspolitisch fragwürdig. Denn wer einen Kredit aufnimmt, wird sich auch überlegen müssen, ob sich die Investition lohnt. Gewählt wird dann nicht mehr der Studiengang, der der eigenen Interessenlage entspricht, sondern das höchste Einkommen verspricht. Dies kann dann schlimmstenfalls zu vermehrten Studienabbrüchen und –wechseln führen, was die Gesamtverschuldung im individuellen Fall sprunghaft ansteigen lassen kann. Aber auch während des Studiums sind die Studierenden gehalten, möglichst geradlinig durch das Studium zu kommen, schließlich kostet jedes Semester bares Geld und mindert den späteren Gewinn. Ehrenamtliches Engagement wird dann zum Beispiel aus den Hochschulen ganz verschwinden, die zahlreichen studentischen Initiativen und Vereine, die das kulturelle Leben in Hochschulen und Städten teils maßgeblich prägen, werden kaum noch Studierende finden, die zur Mitarbeit bereit sind.

Auch die Hochschulen werden sich auf die neue Situation einstellen: Erhalten sie ihr Geld (auch) über Studiengebühren, werden sie versuchen, die Kosten eines Studiengangs möglichst niedrig zu halten, um den Gewinn zu maximieren. Wirklich attraktiv sind für Hochschulen dann eigentlich nur Studiengänge, in denen die Kosten gering, die Zahl der Studierenden hoch und möglichst viele Massenveranstaltungen wie etwa Vorlesungen stattfinden können. Studiengänge, die einen hohen Betreuungsaufwand haben, könnten aus der Wissenschaftslandschaft verschwinden.

Auch Darlehen sind also keine Lösung zu all den Problemen, die eine Einführung von Studiengebühren mit sich bringt. Sie sind weder sozial verträglich noch gerecht. Zusätzlich könnten unerwünschte bildungspolitische Effekte auftreten. Das sozialverträglichste, gerechteste und einfachste Gebührenmodell ist das der Gebührenfreiheit.

von Sascha Vogt



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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