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Eliten in Deutschland- Wer hat dem wird gegeben

Studiengebühren

_In Ihrem Buch »Der Mythos von den Leistungseliten« beschreiben
Sie, dass Spitzenpositionen in der Wirtschaft, aber auch in Wissenschaft, Justiz und Politik in der Regel nach sozialer Herkunft besetzt werden und die formale Qualifikation, in der sich Leistung ausdrückt,eine untergeordnete Rolle spielt. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Diskussion um Eliteförderprogramme, z.B. das »Elitenetzwerk Bayern« der bayerischen Staatsregierung?_

Dr. Michael Hartmann: Es geht bei diesen Diskussionen über Elite-Universitäten oder Elite-Netzwerke darum, dass verschiedene Interessensgruppen mit unterschiedlichen Motiven eine Hierarchisierung der deutschen Hochschullandschaft vorantreiben wollen. Am stärksten ist dabei sicherlich das Interesse eines erheblichen Teils der akademisch ausgebildeten Berufstätigen bis in die Lehrerschaft hinein. Von einer Hierarchisierung der Hochschullandschaft erhoffen sie sich, dass sie ihren Kindern a) eine bessere Ausbildung trotz allgemeiner Sparmaßnahmen bewahren oder schaffen können und b) in sozialer Hinsicht bessere Startchancen auf dem Arbeitsmarkt. Für den schulischen Bereich heißt das, dass die soziale Selektion erhalten bleibt oder noch leicht gesteigert wird, im Hochschulbereich wird sie stark vorangetrieben. Eine andere Position zeigt sich bei den Wirtschaftsverbänden. Für sie sind bei der Diskussion um Elitehochschulen meiner Meinung nach zwei Motive ausschlaggebend:

1. Man hat die Hoffnung, wissenschaftliche Spitzenleistungen bei reduziertem Hochschuletat erbringen zu können, indem man die Mittel konzentriert, also aus der Breite rausnimmt und schwerpunktmäßig auf einzelne Hochschulen konzentriert. Das erlaubt es, die Diskussion um Steuersenkungen für die Wirtschaft weiterzuführen und gleichzeitig ein bestimmtes Niveau von Forschung an einzelnen Universitäten halten zu können. Das, was man im Grunde bräuchte, nämlich eine deutliche Aufstockung der Mittel insgesamt, würde nämlich zwangsläufig zur Frage nach einer höheren Besteuerung von Unternehmen führen.

2. Es gibt augenblicklich so etwas wie ein politisches Bündnis zwischen der Wirtschaft und den schon erwähnten akademisch ausgebildeten Berufstätigen. Das ist für die Haltung der Wirtschaftsverbände in der Schulpolitik entscheidend. Sie halten sich in der Frage der Dreigliedrigkeit zurück, obwohl die hohe Selektivität des deutschen Schulsystems eigentlich nicht in ihrem Interesse liegt, weil sie die politische Unterstützung der akademischen Intelligenz in der Steuerpolitik oder, wie bei Hartz IV, in der Sozialpolitik brauchen. Politisch durchsetzbar ist das nur, wenn es ein relativ stabiles Bündnis gibt. Ideologisch bildet der Begriff der Leistungseliten die gemeinsame Klammer. Er legitimiert die Maßnahmen, die die soziale Selektivität des Schul- und Hochschulsystems erhalten oder sogar verstärken, genauso wie die zunehmende Kluft in der Einkommens- und Vermögensverteilung, die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. In beiden Fällen ist angeblich die individuelle Leistung ausschlaggebend. Für die Besetzung von Spitzenpositionen sind die Veränderungen im Bildungsbereich allerdings relativ unerheblich. Da könnte man allenfalls sagen, es sichert die Wege durch eine Konzentration der Mittel auf einen noch kleineren Teil der Bevölkerung. DDS:

Welche Funktion haben Ihrer Meinung nach Studiengebühren?

Dr. Michael Hartmann: Studiengebühren sind ein integraler Bestandteil dieser Strategie. Ihre Befürworter sagen, die Gleichmacherei muss ein Ende haben, wir müssen die Hochschullandschaft differenzieren, d.h. immer auch hierarchisieren. Daher müssen, so die Argumentation, die Unis sich ihre Studierenden selber aussuchen dürfen, ebenfalls im Sinne einer Differenzierung und Hierarchisierung. Durch Studiengebühren wird der Effekt, der davon ausgeht, noch drastisch verschärft, weil jetzt schon absehbar ist, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bei den 500 Euro pro Semester bleiben wird. Schon kurz nach der Urteilsverkündung wurden die Stimmen lauter, die von Anfang an gesagt haben, dass man da nach Universitäten differenzieren und auch höhere Gebühren verlangen muss, etwa 2.000 bis 3.000 Euro pro Semester. Alles zusammen genommen bedeutet das, dass wir eine Hochschullandschaft haben werden, in der es Unis geben wird, wie etwa die TU oder LMU München, die sich ihre Studierenden nach strengen Selektionskriterien aussuchen und höhere Studiengebühren als andere

Hochschulen verlangen werden. Gleichzeitig bekommen solche Hochschulen höhere staatliche Zuschüsse als andere. Wenn Sie sich die Elite-Netzwerke ansehen: Von den etwa 10 Maßnahmen, die man darin fördert, sind 7 in München angesiedelt. Es gilt also das alte Mathäus-Prinzip: Esfindet eine Mittelkonzentration auf die statt, die schon viel haben. Und das wirkt auch im sozialen Sinne. Das hat zwar auch etwas mit Leistung zu tun, trotzdem haben die TU oder LMU München nicht allein deshalb ein so starkes Gewicht in Bayern, weil sie so viel besser sind als die anderen Hochschulen, sondern auch, weil sie bessere Drähte zur Landesregierung und zur Wirtschaft haben. Das wird in Zukunft institutionalisiert werden in dem Sinne, dass, wer einmal oben ist, auch dauerhaft oben bleiben wird.

Scheinbar im Gegensatz zur Elitediskussion an den Universitätenentwickelt sich die Diskussion zu PISA und den Folgen. Der BDA fordert Chancengerechtigkeit statt Verteilungsgerechtigkeit, deshalb müsse allen Bevölkerungsteilen Zugang zu Bildung und Qualifikation verschafft werden. Auch andere Unternehmerverbändeund wirtschaftsnahe Stiftungen wie Bertelsmann und McKinsey fordern eine grundlegende Reform des Schulsystems. Kann die GEW in ihrem Kampf um Bildungsgerechtigkeit plötzlich auf neue Bündnispartner hoffen und wenn ja, warum?

Dr. Michael Hartmann: Auf den ersten Blick verwundert das natürlich schon, dass der BDA solche Forderungen stellt. Man muss aber sehen, dass schon mit dem Begriffspaar Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit der klare Zusammenhang zwischen der Einkommens- und Vermögensverteilung in dieser Gesellschaft und der Chance auf höhere Bildung geleugnet wird. Dem entsprechend sieht es dann auch im Konkreten aus. Wenn man sich die Erklärungen genauer ansieht, stellt man fest, dass außer der Forderung nach Ganztagsschulen eigentlich nichts Substanzielles zur Chancengleicheit drinsteht. Hier wird keine Chancengleichheit im gewerkschaftlichen Sinne gefordert. So wird beispielsweise zwar richtigerweise verlangt, dass eine individuelle Frühförderung gewährleistet sein muss, zu der starken Selektion später durch die Trennung in Haupt-, Realschule und Gymnasium äußert sich der BDA jedoch überhaupt nicht. Im Kern enthält die gemeinsame Erklärung von BDA und DGB Forderungen, die auch die meisten Landesregierungen übernehmen könnten: Wir müssen den Unterricht mehr differenzieren oder wir müssen Standards setzen. Ich lese allerdings nichts zu den ganzen Maßnahmen, die im Augenblick tatsächlich laufen und die eine Verschärfung der sozialen Selektion an den Schulen bedeuten. Nehmen Sie das Turbo-Abitur. Je kürzer die Schulzeit ist, umso schwieriger ist es für SchülerInnen aus bildungsfernen Familien, den Abschluss zu schaffen oder nach der Realschule noch auf das Gymnasium zu wechseln. Die Erklärung von BDA und DGB zur Bildungspolitik ist zum einen so wachsweich, dass man nichts Konkretes daraus schließen kann, und zum anderen da, wo sie etwas konkreter wird, kompatibel mit dem, was die meisten Landesregierungen sowieso schon machen. So steht z.B. drin, dass die Durchlässigkeit zwischen den Schultypen vorausgesetzt wird, es nicht nur Durchlässigkeit von oben nach unten geben dürfe und jede Schule für jeden Abschluss offen sein müsse. Das heißt aber nichts Konkretes. Da wird inhaltlich nichts ausgesagt und gefordert. Das Thema, um das es wirklich geht, nämlich unser Schulsystem, diese anachronistische Dreigliedrigkeit, wird nicht einmal angesprochen. Solange das nicht der Fall ist, kann ich nicht erkennen, dass es beim BDA und anderen Unternehmerverbänden eine neue Politik gibt. Es ist in diesem Zusammenhang auch schade, dass sich die GEW so lange gescheut hat, nach PISA öffentlich über die Schulstrukturfrage nachzudenken.

Der Handwerkstag Baden-Württemberg sprach sich für eine 9-jährige gemeinsame Schulzeit aus. Auch der Zentralverband des deutschen Handwerks macht das gegliederte Schulsystem dafür verantwortlich, dass die Mehrzahl der Auszubildenden nicht auf dem Bildungsstand ist, der für eine Berufsausbildung notwendig wäre. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach die Kritik der Handwerksverbände von der der anderen Unternehmerverbände?

Dr. Michael Hartmann: Bei den Handwerksverbänden ist die Position deutlicher, weil sie direkt betroffen sind. Das Elend der deutschen Hauptschulen, wenn ich das mal so nennen darf, zeigt sich vor allem in den handwerklichen Berufen, wo die BerufsanfängerInnen schlecht oder unzureichend auf die Anforderungen der Ausbildung vorbereitet sind. Für die Handwerksunternehmer wäre es von großem Vorteil, wenn die Dreigliedrigkeit aufgehoben würde und die Hauptschule nicht ein Reservoir derjenigen wäre, die keine oder kaum eine Chance haben und sich dementsprechend fühlen und verhalten. Hinzu kommt, dass die Verbindungen aus dem Handwerksbereich zu dem, was ich akademische Intelligenz genannt habe, deutlich schwächer sind als bei den anderen Wirtschaftsverbänden. Da gibt es diese Rücksichtnahme nicht, wie ich sie beim BDA u.a. Verbänden sehe. Wenn im Unternehmerbereich überhaupt klare Positionen zur Bildungsgerechtigkeit existieren, dann kommen die immer von Handwerksverbänden. Das war in Baden- Württemberg so, das ist in Hamburg so. Sie haben aber offensichtlich nicht so viel Gewicht, um in den Stellungnahmen der Arbeitgeberverbände wieder aufzutauchen. insofern gibt es einen Unterschied zwischen der Kritik der Handwerksverbände und der der anderen Unternehmerverbände. Aber die Handwerksverbände sind der schwächste Teil im Unternehmerlager.

Das Gespräch führte Ute Schmitt, 3. März 2005

Veröffentlichungen von Michael Hartmann zum Thema:

Elitesoziologie. Eine Einführung. Frankfurt am Main 2004. Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt am Main 2002.

Topmanager. Die Rekrutierung einer Elite. Frankfurt am Main 1996. Kontakt: hartmann@ifs.tu-darmstadt.de

Wer also auf das Politische Mandat verzichtet, macht sich zum Sachverwalter der Autorität, akzeptiert das ihm zugewiesene Ghetto und bietet der Gesellschaft die Möglichkeit, die Universität nach Belieben zu manipulieren. Mit dem Lockruf nur und ausschließlich die Interessen der Studenten vertreten zu wollen, ziehen diese trojanischen Pferde als fünfte Kolonne der Obrigkeit in die studentische Selbstverwaltung ein, wo sie mit Bienenfleiß alles verwalten, ohne etwas zu ändern.
(Bonner AStA-Zeitung 66/67)



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