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Es geht vorwärts in Deutschland - Armut und Armutsforschung im Aufschwung

Sozialpolitik

Es wird sich wirklich gekümmert um “unsere Armen”: Es wird gespendet von privater und staatlicher Seite. Die Kirchen geben was und auch die Wohlfahrtsverbände. Besonders vor Weihnachten fällt für ordentliche Arme, die nicht saufen, Drogen nehmen und uns nicht mit aufdringlicher Bettelei in den Innenstädten belästigen, zumindest der eine oder andere Euro ab. Beliebter sind für solche Mitleidsakte allerdings Flutopfer und die Armen der 3.Welt, die dort in Massen verhungern.

Doch die Zeiten, in denen Armut in Deutschland mit Verweis auf drastischere Elendsformen geleugnet wurde, sind vorbei. Die Armen können sich freuen. Massenarmut ist neuerdings anerkannt. Alle Varianten von Verelendung werden im mittlerweile zweiten “Armutsbericht” der Bundesregierung auf hunderten von Seiten dokumentiert und besprochen.Und die Unicef weiß das besonders tragische Phänomen massenhafter Kinderarmut der Öffentlichkeit zu präsentieren. Daß Armut im Kapitalismus mit schöner Regelmäßigkeit existiert und zunimmt wird von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit für eine Selbstverständlichkeit gehalten, die aber keinen auf die Frage nach der kapitalistischen Notwendigkeit dieses stetig sich vermehrenden Phänomens bringt.

Auch nicht die professionell über Armut nachdenkenden Armutsforscher, die sich über einen Mangel an Arbeitsplätzen nicht beklagen müssen. Ihre Arbeit ist sehr gefragt und sie geben sich alle Mühe, neben der bekannten “absoluten” und “relativen” Armut ständig neue Typen von Armut zu (er)finden. So gibt es “verschämte” Armut und “Einkommensarmut”, “chronische” und “extreme” Armut usw.usw. Auf der einen Seite messen und zählen sie was das Zeug hält, um auf der anderen Seite gleichzeitig mit jeder Theorie zu bestreiten, daß ihr Gegenstand überhaupt Objektivität besitzt. Armut sei eine Frage der Bewertung und der Stellung der Armen selbst zu diesem “komplexen” Problem. Wer noch lebt und mit der Armut zurechtkommt, kann- so haben sie herausgefunden- nicht “richtig” arm sein. Und arm ist für die regierungsunabhängigen Armutsforscher schon gar nicht derjenige, der von unserer Regierung immernoch so großzügig betreut wird – mit dem Zwang jeden Billigjob anzunehmen, mit Hartz IV, seinen 1-Eurojobs usw.

Auch der kritische Blick auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse z.B. von attac wiegelt nur ab. “Es ist genug für alle da!” Armut muß nicht sein, Armut ist nicht nötig verkünden sie unverdrossen. Sie täuschen sich. Armut braucht es im Kapitalismus. Sie ist kein Betriebsunfall, sondern eine Notwendigkeit. Armut ist Quelle jeglichen Kapitalreichtums und ihr ständiges Produkt- hier und überall auf der Welt.Als diese Quelle muß Armut systematisch betreut werden. Das regelt der Sozialstaat, indem er den Armen aufzwingt, mit noch weniger zurechtzukommen und für den Bedarf des “Arbeitsmarktes” zu funktionieren.Das beste Mittel gegen Armut ist weitere Verarmung.Und um Arme als nicht mehr brauchbares Produkt marktwirtschaftlichen Reichtums dürfen sich professionelle und ehrenamtliche Gutmenschen kümmern. Die haben immer gut zu tun und die nächste Weinachtszeit, wo jeder sein Herz für die Armen zeigen kann, rückt ja auch wieder näher....



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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