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Mehr Soziale Gerechtigkeit? - Ein Vergleich mit dem amerikanischen System

Studiengebühren

In der Diskussion um die Einführung von Studiengebühren lautet ein zentrales Argument der Befürworter: Studiengebühren erhöhen die soziale Gerechtigkeit, weil sie diejenigen zur Kasse bitten, die später im Beruf von ihren Hochschulabschlüssen profitieren. Da die Studiengebühren durch Darlehen sozial abgefedert würden und letztere erst zurückzuzahlen seien, wenn man Geld verdiene, sei auch nicht mit einem Rückgang der Studienanfänger aus den ärmeren und bildungsfernen Schichten zu rechnen. Die Beispiele jener Länder, in denen heute schon Studiengebühren verlangt würden, zeigten das deutlich. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die USA verwiesen. Dort liege die Studierquote trotz der weltweit höchsten Studiengebühren wesentlich höher als hierzulande und an den Spitzenuniversitäten würden die Kinder aus den wohlhabenden Familien mit ihren Gebühren sogar ganz wesentlich zur Finanzierung der Stipendien für die ärmeren Bewerber beitragen, so daß ein Studium dort jedermann offen stehe, die erforderliche Leistung natürlich vorausgesetzt.

Die Situation in den USA

Auf den ersten Blick hat diese Argumentation viel für sich, auf den zweiten aber zeigen sich ihre grundlegenden Schwächen. Gerade die Situation in den USA macht sie mehr als deutlich. Es ist tatsächlich so, daß dort ein erheblich höherer Prozentsatz eines Jahrgangs ein Hochschulstudium beginnt als in Deutschland. Auch stimmt es, daß der Nachwuchs aus den unteren Schichten der Gesellschaft diesen Schritt viel häufiger wagt als hierzulande. Das aber ist allenfalls die halbe Wahrheit. Übersehen wird bei einer solchen Darstellung der entscheidende Punkt. Die untere Hälfte der Bevölkerung schickt ihre Kinder zu fast 90 Prozent auf Hochschulen, die in Deutschland niemand zu dieser Kategorie zählen würde, da sie sich bestenfalls auf dem Niveau von Berufsakademien bewegen. Nahezu jedes zweite dieser Kinder geht sogar nur auf eines der Zwei-Jahres-Colleges, die eher einer gymnasialen Oberstufe ähneln. Auf die teuren Privatuniversitäten schaffen es dagegen gerade einmal drei Prozent der Studienanfänger aus den armen Schichten. Vom Nachwuchs aus reichen Familien geht dagegen jeder fünfte dorthin. Die soziale Zusammensetzung der Studierenden sieht entsprechend aus. An den ca. 150 Hochschulen, die den deutschen Universitäten vergleichbar sind, stammen weniger als zehn Prozent aus der unteren Hälfte der Bevölkerung, 74 Prozent aber aus dem oberen Viertel. Die Rekrutierung ist damit sozial erheblich selektiver als an den deutschen Universitäten, wo immerhin auch schon zwei Drittel der Studierenden aus dem oberen Drittel der Bevölkerung stammen. Die privaten Eliteuniversitäten sind noch spürbar exklusiver. Vier von fünf Studierenden kommen dort aus dem oberen Fünftel der Gesellschaft. Jeder fünfte stammt sogar aus den obersten zwei Prozent mit Familienjahreseinkommen von mehr als 200 000 Dollar, d.h. fast doppelt so viele wie aus der gesamten unteren Bevölkerungshälfte.

Ein entscheidender Grund für diese sehr ungleiche Verteilung der Studierenden auf die verschiedenen Hochschultypen sind die unterschiedlichen Studiengebühren. Für die Two-Years-Colleges betragen sie im Durchschnitt „nur“ 2 076 Dollar, für die öffentlichen Four-Years-Colleges schon 5 132 Dollar und für die privaten Vierjahreseinrichtungen sogar 20 082 Dollar mit Spitzenwerten von über 32 000 Dollar. Seit Anfang der 1980er Jahre sind die Gebühren für alle Hochschultypen deutlich schneller gestiegen als die Realeinkommen. Während das durchschnittliche Familieneinkommen unter Berücksichtigung der Inflation zwischen 1980 und 2000 um knapp 22 Prozent gewachsen ist, haben sich die Studiengebühren weit mehr als verdoppelt, für die Universitäten sogar fast verdreifacht. Seit 2000 hat sich diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Die enorm gestiegenen Gebühren treffen die einzelnen Schichten der US-Gesellschaft allerdings sehr unterschiedlich, da die Einkommensentwicklung in den letzten drei Jahrzehnten außerordentlich starke Differenzen aufweist. Während die obersten fünf Prozent der Familien ihr Jahreseinkommen zwischen 1980 und 2001 inflationsbereinigt von knapp 112 000 auf über 164 000 Dollar haben steigern können, haben die unteren drei Fünftel der Familien vielfach Reallohnverluste hinnehmen müssen. Sie sind die wirklich Leidtragenden der Gebührenentwicklung.

Vor allem in den letzten Jahren hat die öffentliche Debatte über die Kostenexplosion bei den Studiengebühren allerdings so viel politischen Druck erzeugt, daß es zu einer erheblichen Anhebung der verschiedenen Formen von finanzieller Unterstützung gekommen ist. Die Nettogebühren (Gebühren abzüglich aller Stipendien und steuerlichen Vergünstigungen), die bis 1997 ebenfalls kontinuierlich angestiegen waren, sind mit Ausnahme der privaten Vier-Jahres-Hochschulen, wo sie trotz aller Hilfen nur auf einem mit 9 600 Dollar sehr hohen Niveau stabilisiert werden konnten, seither gesunken. Die Studierenden aus ärmeren Familien können sich trotz aller Stipendien ein Studium an den besseren Hochschulen aber dennoch immer weniger leisten. Selbst für einen Studienplatz an einem Zwei-Jahres-College müssen Familien aus dem untersten Viertel der Bevölkerung mittlerweile netto ein Drittel ihres Jahreseinkommens zahlen. An einer staatlichen Vier-Jahres-Hochschule sind es mehr als zwei Fünftel und an einer privaten knapp zwei Drittel.

Mehr Darlehen als Stipendien

Die relativ hohe Nettobelastung macht es für die meisten Familien unumgänglich, zusätzlich zu den Stipendien und steuerlichen Erleichterungen die verschiedenen staatlichen und privaten Darlehensprogramme in Anspruch zu nehmen. In den letzten zehn Jahren ist die Summe der Darlehen fast doppelt so schnell gewachsen wie die der Stipendien. Das hat die Relationen deutlich verschoben. Machten Stipendien 1993 noch 46 Prozent aller Hilfen aus, waren es 2003 nur noch 38 Prozent. Wurden 1983 Darlehen und Stipendien in der gleichen Höhe von jeweils 1 600 Dollar (in konstanten Dollars von 2003) in Anspruch genommen, so liegen die Darlehen mit gut 5 800 gegenüber knapp 4 000 Dollar inzwischen deutlich vorn. Zwei Entwicklungen sind dabei besonders bedenklich. Zum einen deckt die Höchstförderung beim wichtigsten Bundesstipendium „Pell Grant“ heute nur noch ein gutes Drittel der Kosten an einer staatlichen Vier-Jahres-Hochschule ab, während es vor 25 Jahren noch über 82 Prozent waren. Davon sind ganz besonders die ärmeren Familien betroffen. Zum anderen hat bei den Darlehensprogrammen eine gravierende Verschiebung hin zu den teureren Varianten stattgefunden. So ist der günstigste Typ, die Federal Perkins Loans, in den letzten zehn Jahren auf niedrigem Niveau eingefroren worden. Auch das zweitgünstigste Programm, die „Subsidized Stafford Loans“, bei dem die Zinsbelastung durch staatliche Zahlungen relativ niedrig gehalten wird, hat im letzten Jahrzehnt nur eine Steigerung von 40 Prozent zu verzeichnen. Dagegen haben die finanziell sehr viel teureren, weil weniger oder gar nicht geförderten Darlehenstypen erheblich an Gewicht gewonnen. Die „Unsubsidized Stafford Loans“ haben sich im selben Zeitraum inflationsbereinigt verachtfacht und die von Privatinstitutionen (wie vor allem Geschäftsbanken, bei denen nicht nur die Zinsraten höher liegen, sondern auch die Rückzahlungsmodalitäten schlechter ausfallen) vergebenen Darlehen versiebenfacht. Lagen die drei erstgenannten Varianten in ihrer Gesamtsumme 1993 noch zehnmal so hoch wie die beiden letztgenannten, so ist die Differenz mittlerweile auf weniger als 20 Prozent zusammengeschmolzen. Außerdem sorgt die zunehmende Verschiebung von einkommensabhängigen zu leistungsabhängigen Stipendien dafür, daß ein stetig steigender Teil der Stipendien den Kindern aus gut bemittelten Elternhäusern zugute kommt. An den privaten Hochschulen erhalten sie inzwischen sogar schon mehr finanzielle Unterstützung als ihre Kommilitonen aus dem untersten Viertel der Bevölkerung.

Erhöhte Verschuldung

Angesichts dieser Zahlen verwundert es nicht, daß sich die Verschuldung der Studierenden in den USA gravierend erhöht hat. Nach dem Bachelor waren es 1993 durchschnittlich 12 100 Dollar, 2000 schon 19 300. Mittlerweile soll die Durchschnittssumme für alle Studierenden sogar bei deutlich über 30 000 Dollar liegen. Es handelt sich um Durchschnittswerte, die auch alle jene Studierenden mit einschließen, die an den preiswerten staatlichen Einrichtungen studiert haben oder noch studieren. Wer an den teureren Hochschulen eingeschrieben ist und vor allem wer nach dem Bachelor noch weiter bis zum Master, zur Promotion oder zum Examen an einer Professional School studiert, kann leicht auf eine Verschuldung bis in den sechsstelligen Bereich hineinkommen.

Die Eliteuniversitäten machen in puncto soziale Selektivität keine Ausnahme. Obwohl Princeton und Harvard seit ein paar Jahren für Studierende aus der unteren Bevölkerungshälfte nur noch Stipendien ohne den zuvor üblichen Darlehensanteil vergeben und Princeton dadurch den Anteil der Studierenden aus Familien aus der unteren Hälfte der Bevölkerung zwischen 2001 und 2004 auch von 8 auf 14 Prozent hat steigern können, ist es zu keiner wirklichen Änderung der Verhältnisse gekommen. Der Zugewinn ist nämlich ausschließlich auf Kosten jener Familien gegangen, die zwar überdurchschnittlich verdienen, aber nicht wirklich wohlhabend sind. Der 80prozentige Anteil der Kinder aus dem obersten Fünftel der US-Gesellschaft blieb unberührt.

Ausschlaggebend sind die hohen Kosten. Auch nach Abzug aller Finanzhilfen, die an den Ivy-League-Universitäten für Studierende aus dem untersten Einkommensquintil immerhin über drei Viertel der Gesamtkosten abdecken, bleibt für sie noch eine Belastung von 53 Prozent des familiären Bruttojahreseinkommens. Am stärksten von hoher Verschuldung bedroht sind jene Studierenden, die nach dem Bachelor weiter studieren. So liegt die durchschnittliche Verschuldung der Studierenden an der vergleichsweise kostengünstigen Harvard Graduate School of Education nach dem Masterabschluß bei 42 000 Dollar, nach der Promotion sogar bei 70 000 Dollar und in Einzelfällen bei bis zu 135 000 Dollar.

Dynamik der Gebühren

Obwohl sich die Situation in den USA in vielerlei Hinsicht von der hiesigen unterscheidet, zeigt sie doch sehr gut, welche Dynamik sich entwickelt, wenn Studiengebühren erst einmal eingeführt sind, wie schnell die Gebührensätze steigen können, wie rapide die Verschuldung zunehmen kann und welchen Effekt das auf die Studienwahl der Kinder aus den bildungsfernen Schichten hat. Rein theoretisch lassen sich selbstverständlich Modelle konzipieren, die dem Anspruch sozialer Gerechtigkeit genügen. Faktisch verläuft die Entwicklung, und das läßt sich anhand der USA sehr gut erkennen, aber anders. Wenn die baden-württembergische Landesregierung jetzt ihr Modell präsentiert, das eine Rückzahlung der zu verzinsenden Darlehen ab einem Nettoeinkommen von nur 1 060 Euro für Alleinstehende vorsieht, so kann von einer ausschließlichen Belastung derjenigen, die von ihrem Studium später finanziell profitieren, wohl kaum gesprochen werden. Mit einem solchen Einkommen bewegt man sich knapp oberhalb der offiziellen Armutsschwelle. Ob es bei den jetzt beschlossenen 500 Euro als Obergrenze bleibt, ist ebenfalls sehr fraglich. In Großbritannien hat man gerade die Studiengebühren auf immerhin 3 000 Pfund verdreifacht, die man 1997 auch mit dem Versprechen eingeführt hatte, sie nicht weiter zu erhöhen. Wie viel Verlaß auch hierzulande auf offizielle Zusagen ist, davon kann inzwischen jeder Hochschulangehörige ein langes Lied singen. Daß die skandinavischen Länder, die weltweit für ihre leistungsstarken und zugleich sozial vergleichsweise gerechten Bildungssysteme bekannt sind, vollkommen auf Studiengebühren verzichten, sollte vielleicht auch hierzulande noch einmal zum Nachdenken anregen.

Michael Hartmann

Vom Autor ist in der Zeitschrift Leviathan 4/2005 der Aufsatz „Studiengebühren und Hochschulzugang: Vorbild USA?“ erschienen.

Man merkt unserm Recht das Alter an - es ist schon gebeugt.
(Bert Berkensträter)



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