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Notenkritik

Bildungsstreik 2009

Noten. Ein lang bewährtes, „objektives“ Bewertungsmittel zum „Fordern und Fördern“ von SchülerInnen?

Dafür sind sie eigentlich gedacht und doch erfüllen sie diese Anforderungen nicht im Geringsten. Dass Noten nicht objektiv sind, ist schon durch viele Studien erwiesen. Es werden nicht die Fähigkeiten von SchülerInnen bewertet, sondern vielmehr ihre Leistungen im Klassenvergleich. Ein und dieselbe Leistung kann in unterschiedlichen Klassen anders benotet werden. Doch nicht nur die mangelnde Objektivität ist bei Noten kritisch zu sehen. Es gibt noch eine Anzahl von weiteren negativen Effekten.

  • Noten geben Lehrkräften zuviel Macht. LehrerInnen nutzen sie nicht nur als Bewertungsmaßstab für die im jeweiligen Fach erbrachten (Vergleichs-) Leistungen, sondern missbrauchen Noten oft als Druckmittel. Ist also die kritische Stimme von SchülerInnen unerwünscht können diese durch schlechte Noten diszipliniert werden. Zudem dienen Noten als Mittel um die Autorität der Lehrkraft zu untermauern – die LehrerInnen sitzen schließlich am längeren Hebel. Ein kritischer, demokratischer Diskurs im Unterricht wird dadurch vehement unterbunden.
  • Schlechte Noten demotivieren. Wer (unverdient) eine schlechte Note hat, sucht oft die Schuld bei sich selbst und verliert – aus Selbstzweifel und Resignation – das Interesse an dem Fach. Folgen sind oft Stress vor den Arbeiten und Frust danach. Die Lust auf Schule und Lernen erlahmt. Diese psychischen Auswirkungen sind nicht Sinn und Zweck von Schule.
  • Noten fördern die soziale Selektion. In der Schule sollten möglichst viele SchülerInnen möglichst gute Noten erreichen. Das könnte man annehmen, ist aber falsch! LehrerInnen sollen sich vielmehr an der „Normalverteilung“ orientieren. Bei dieser ist es erwünscht, dass es wenig gute, viele im mittleren Bereich des Notenspektrums liegende (3,0 bis 3,5) und wenig schlechte SchülerInnen gibt. Das Ziel dieser Wissensvermittlung liegt also nicht darin theoretisch ein Ergebnis von 1,0 zu erreichen, sondern die Selektion in „Gut“, „Mittel“ und „Schlecht“. Diese Absicht wird schon in der dritten Klasse (in Bayern bereits in der zweiten Klasse) durchgesetzt. Dadurch werden die zukünftigen Lebenschancen der Kinder definiert. Einer breiten Masse werden also mit voller Absicht gewisse soziale Möglichkeiten vorenthalten. Ob jemand eine bessere oder schlechtere Ausgangssituation ins Schulleben hat, wird in der Notengebung auch nicht beachtet. So bekommen SchülerInnen armer oder ungebildeter Eltern tendenziell schlechtere Noten als die Kinder reicher Eltern.
  • Noten fördern die Konkurrenz unter den MitschülerInnen. Eine gute Note ist nur eine gute Note, solange es auch schlechte Noten gibt. Gut und Schlecht sind relativ. Es ist folglich im Interesse der Lernenden, das die MitschülerInnen schlechter sind und bleiben als man selbst, damit man selber besser sein kann. Die Konkurrenz wird erhöht und die Hilfsbereitschaft verringert. Solidarität und friedliche Zusammenarbeit werden damit verhindert!

Noten können, aus den genannten Gründen, nicht mehr in ihrer heutigen Funktion als ausschließliches und versetzungsrelevantes Kriterium zur Bewertung von SchülerInnen, fungieren. Vielmehr ist es notwendig eine Alternative zu Noten zu finden. Hierbei kann ein schriftliches Feedback über die Verbesserungen von SchülerInnen dienen. Ebenso ist das südtiroler Konzept interessant, nach welchem die SchülerInnen nicht mehr im Kontext der Klasse, sondern relativ zu ihren eigenen, vorherigen Leistungen bewertet werden. Auch eine Evaluation der LehrerInnenleistung von SchülerInnen ausgehend ist längst überfällig. Dieses würde eine faire Bewertung sowie ein besseres Unterrichtsklima ermöglichen. Zudem wird somit eine emanzipatorische, demokratische Denkstruktur gefördert.



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