Themen


Dossiers


Artikel

Studieren auf Kredit?

Studiengebühren

Warum Studienkredite?

Es ist kein Zufall, dass Studienkredite zeitgleich mit der Entscheidung für allgemeine Studiengebühren in mehreren Bundesländern eingeführt werden. Beiden liegt ein Verständnis von Bildung zugrunde, das diese als eine Investition ins eigene Humankapital versteht. Bildung soll nun ganz offensichtlich nicht länger als öffentliches Gut zur Verfügung gestellt werden, sondern als Ware, die ausschließlich mit dem Ziel einer ökonomischen Nutzenmaximierung konsumiert wird. Bildung als Möglichkeit der kritischen Reflexion und der persönlichen und gesellschaftlichen Emanzipation wird so untergraben.

Was sind die Probleme?

Ein kreditfinanziertes Studium führt aber auch zu mehr sozialer Ungleichheit. Einen größeren Teil der Darlehenprogramme gibt es nur für Studierende von bestimmten Fächern oder Hochschulen, deren Berufschancen als besonders gut eingeschätzt werden. Mehrere Programme werden zwar unabhängig von Sicherheiten oder Studienfach vergeben. Nach Abschluss des Studiums muss jedoch das Darlehen getilgt werden, unabhängig vom erzielten Einkommen. Wer wenig verdient muss die Rückzahlung über eine längere Zeit strecken, so dass eine deutlich höhere Zinsbelastung anfällt. Dadurch sind insbesondere Frauen benachteiligt, denn sie verdienen bei gleicher Qualifikation im Durchschnitt 23% weniger als Männer.

In Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wurden in den letzten Monaten allgemeine Studiengebühren beschlossen. Diese können/müssen auch als Darlehen bei der jeweiligen Landesbank genommen werden. So können Studierende nach dem Studium mit drei unterschiedlichen Darlehenrückzahlungen konfrontiert sein, die alle unterschiedlichen Kriterien folgen: Schulden aus dem BAföG (in der Regel werden 50% des BAföG als unverzinsliches Darlehen gezahlt) und verzinste Schulden aus den Studiengebühren sowie aus dem Studienkredit. Bei ungünstigen Konstellationen können so über 100.000 Euro Zins und Tilgung anfallen.

Als Beispiel dafür, dass Studienkredite funktionieren können, werden gerne die USA genannt: Dort haben die Schulden aus Studiengebühren und Studienkrediten inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass ein Studium auch für Kinder aus der Mittelschicht kaum noch finanzierbar ist – für Kinder aus Arbeiterhaushalten sowieso nicht. BerufseinsteigerInnen sind Jahrzehnte durch die Tilgung ihrer Schulden belastet.

Warum keine Verbesserung des BAföG?

Die Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat noch als baden-württembergische Bildungsministerin gefordert, das BAföG ganz abzuschaffen und es durch Kredite zu ersetzen. Mit der großen Koalition wurde sie darauf verpflichtet, das BAföG beizubehalten. Doch offensichtlich ist es Ziel der Koalition, das BAföG zu vernachlässigen, so dass Studierende mehr oder weniger zur Aufnahme von Krediten gezwungen werden. Die Fördersätze des BAföG wurden seit 2002 nicht mehr an die Inflation angepasst. Die Regierung hat gerade angekündigt, auch in diesem Jahr keine Anpassung vorzunehmen. Ebenso bei den Freibeträgen vom anzurechnenden Elterneinkommen. Da diese nicht an die Lohnentwicklung angeglichen werden, verlieren immer mehr Studierende den Anspruch auf Förderung, weil ihre Eltern mehr verdienen.

Zur Einführung des KfW-Kredites teilte Schavan mit: „Die Bundesregierung begrüßt es, dass mit diesem Angebot ein wichtiger Schritt zur Erschließung eines funktionierenden Marktes der Bildungsfinanzierung gemacht wird.“ Wenn dieser Markt erst geschaffen ist, wird das BAföG gänzlich zur Disposition gestellt werden.

Wie funktioniert ein Studienkredit?

Für einen potentiellen Studienkreditnehmer bringen diese erhebliche Probleme mit sich, was hier am Beispiel der Programme der Deutschen Bank und der KfW gezeigt werden soll. Die KfW hat keine eigenen Filialen, daher wird der Kredit bei einzelnen Vertriebspartnern angeboten. Diese werden die Studierendenwerke und verschiedene Banken sein. Der Vertriebspartner erhält pro abgeschlossenen Vertrag 232 Euro, die vom Darlehennehmer oder der Darlehennehmerin im Rahmen der Tilgung aufzubringen sind. So entsteht für die Studierendenwerke, die auch das BAföG verwalten, ein direkter Anreiz, Studierenden zu einem KfW-Kredit zu raten, anstatt die Möglichkeiten des BAföG auszuschöpfen. Die ohnehin oft mangelhafte Beratung durch das BAföG-Amt muss also noch kritischer geprüft werden.

Gefördert werden sowohl bei der Deutschen Bank als auch bei der KfW nur Studierende bis zum 30. Lebensjahr bei Vertragabschluss. Bei der Deutschen Bank sind Studierende ohne deutsche Staatsbürgerschaft ausgeschlossen, wenn sie nicht mindestens zwei Jahre vor Studienbeginn einen Wohnsitz in Deutschland hatten. Die Deutsche Bank schließt auch Teilzeitstudierende, etwa wegen Kindererziehung, von ihrem Programm aus.

Bei der KfW werden von dem Auszahlungsbetrag die angesammelten Zinsen direkt abgezogen: Das heißt, der tatsächlich ausgezahlte Betrag verringert sich von Semester zu Semester. Der Zinssatz ist bei KfW und Deutscher Bank variabel und orientiert sich an der allgemeinen Zinsentwicklung. Bei Vertragabschluss wird lediglich ein Maximalzinssatz vereinbart. Der Zinssatz kann sich also durchaus noch erhöhen.

Die Darlehen werden nicht notwendig bis zum Abschluss des Studiums geleistet. Der Studienfortschritt muss regelmäßig dokumentiert werden. Wer also glaubte, als „König Kunde“ den vom BAföG-Amt bekannten Gängelungen zu entgehen, lag leider falsch. Auch die Antragformulare sind kaum weniger bürokratisch als der BAföG-Antrag. Das Darlehen der Deutschen Bank gibt es für maximal fünf Jahre, das der KfW bis zum 10. Fachsemester, worauf unter bestimmten Umständen bis zu vier Semester zugeschlagen werden können. Angesichts der oft schwierigen Studienbedingungen ist also keineswegs gesichert, bis zum Abschluss des Studiums ein Darlehen zu erhalten.

Die Tilgung beginnt bei der KfW spätestens 23 Monate nach dem letzten Auszahlungstermin, bei der Deutschen Bank spätestens 12 Monate nach Studienabschluss. Zusätzlich zu Zins und Tilgung werden Bearbeitungsgebühren erhoben. Wer bis dahin kein ausreichendes Einkommen erzielt, was angesichts der oft schwierigen Zugänge zu akademischen Arbeitsmärkten durchaus passieren kann (nicht umsonst spricht man von der „Generation Praktikum“), steht unmittelbar vor der Verschuldungsfalle.

Welche Alternativen gibt es?

Studierende sollten die Aufnahme eines Studienkredites also nach Möglichkeit vermeiden, und andere Finanzierungsquellen ausreizen. So werden die Möglichkeiten des BAföG oft nicht ausgeschöpft und auch die Eltern sind oft juristisch zu höheren Unterhaltsleistungen verpflichtet, als sie tatsächlich aufbringen. Grundsätzlich ist anstelle von Studiendarlehen die weitere Verbesserung des BAföG und die Gebührenfreiheit des Studiums zu fordern. Die Linke hat im Bundestag den mittelfristigen Ausbau des BAföG zu einem elternunabhängigen, bedarfsdeckenden und nicht zurückzuzahlenden Grundeinkommen gefordert. Dieses Modell ist in den skandinavischen Ländern bereits Realität.

[...]

Der Antrag der Linken findet sich hier:
dip.bundestag.de/btd/16/008/1600847.pdf

Weitere Ausführungen zu Studienkrediten finden sich bei studis-online:
www.studis-online.de/HoPo/art-443-neues-zu-studienkrediten.php

von Roman George, AStA Uni Marburg

einzig meinem Wissensdurst nachzugehen und mich nicht in einen Studiengang zwingen zu lassen, der nichts wollte als den Studenten in möglichst kurzer Zeit möglichst gründlich für einen Brotberuf zu spezialisieren und jene Ahnung von Freiheit und Universalität in ihm abzutöten.
(Hermann Hesse)



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


219 Hintergrundartikel
in 40 Themen

Wähle einen Ort: