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News / 05. December 2009

„An den Hochschulen steht es fünf vor Zwölf“

Die fabelhafte Welt des Widerstands

„Der Streik und die Proteste der Studierenden zeigen, dass es an den Hochschulen fünf vor Zwölf steht“, so Jochen Nagel, Landesvorsitzende der GEW Hessen. „Wir teilen die grundlegende Kritik der Studierenden am Bologna-Prozess und ihre Forderungen nach mehr Selbstbestimmung im Studium, Gebührenfreiheit von Bildung, freiem Hochschulzugang und tariflicher Absicherung der studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräfte.“

Die Arbeitsbelastung sei sowohl für Studierende als auch für Lehrende an den Hochschulen durch die Modularisierung deutlich gestiegen. „Prüfungsdruck, Standardisierung und ‚Verschulung’ stehen einem sinnvollen wissenschaftlichen Lernen und Arbeiten entgegen. Gute Bildung braucht stattdessen Zeit und Raum. Eine eigenständige und kritische Auseinandersetzung mit den Gegenständen des Studienfaches muss im Studium wieder möglich sein“, so Carmen Ludwig, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW Hessen.

Die Bildungsgewerkschaft unterstützt die Studierenden auch in ihren Forderungen nach einem Rechtsanspruch auf einen Master-Studienplatz für alle Bachelor-Absolventen. Der Regierungsentwurf zum Zulassungsgesetz sieht darüber hinaus weitere Einschränkungen beim Hochschulzugang vor und gefährdet so das Grundrecht auf Zulassung zum Hochschulstudium. „Bildung darf kein Privileg für Wenige werden. Zusammen mit den Studierenden fordern wir einen offenen Zugang zur Hochschule“, so Ludwig.

Der Landesvorstand der GEW Hessen hat auf seiner gestrigen Sitzung auch das unverhältnismäßige Vorgehen des Präsidenten der Stiftungsuniversität Frankfurt Müller-Esterl und die Räumung des Casinos des IG Farben Hauses scharf kritisiert.

Mit diesem Vorgehen wird offenkundig versucht, die studentischen Proteste zu diskriminieren, kritische Veranstaltungen zu unterbinden und eine Auseinandersetzung mit den berechtigten Forderungen der Studierenden zu umgehen. Es ist skandalös, dass der Präsident eine Bildungsveranstaltung von Studierenden und Dozenten, die sich kritisch mit Bildungsinhalten und der gegenwärtigen Situation im Bildungswesen auseinandersetzt, mit einem Polizeikommando räumen lässt.

Aufgabe eines Hochschulpräsidenten sollte der Ausbau demokratischer Strukturen, die Bewältigung vorhandener Probleme und die Förderung – nicht Verhinderung! – von Kommunikation zwischen den Statusgruppen sein. „Ein Präsident jedenfalls, der sich als derart kommunikationsunfähig erwiesen hat und keine Gesprächsbereitschaft mit den Studierenden zeigt, ist in seinem Amt fehl am Platz und sollte dieses zur Verfügung stellen“, fordern Nagel und Ludwig.

Durch den zunehmenden Einfluss externer Wirtschaftskräfte und dem damit einhergehenden drastischen Abbau von demokratischen Entscheidungsstrukturen an der Stiftungsuniversität Frankfurt, kann der Präsident nun eine Politik des autoritären Durchregierens gegenüber den Hochschulmitgliedern betreiben.

Der Landesvorstand fordert das Präsidium auf, Sanktionen und weitere Disziplinierungs- und Kriminalisierungsversuche zu unterlassen. Da hinsichtlich des Umgangs der Polizei mit den Studierenden bei der Campus-Räumung zahlreiche Vorwürfe im Raum stehen, fordert die GEW Hessen zudem eine umfassende Aufklärung der Vorgänge und des Polizeieinsatzes.

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(Theodor W. Adorno - Minimal moralia # 34)