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News / 02. July 2009

Rürups last lecture ohne lecture

Prof. Dr. Bert Rürup

An der Technischen Universität Darmstadt sollte heute Prof. Bert Rürup heute seine Last Lecture halten. Doch dazu kam es nicht. Nach der Eröffnung durch Universitätspräsident Prömel wurde Rürup herzlich empfangen. Einerseits mit Klatschen, andererseits mit Pfiffen und Tommellauten. Während das Klatschen nach kurzer Zeit verstummte, blieben die Pfiffe und die Tommellaute. Auf der Bühne des Audimax wurde ein Transparent mit der Aufschrift “Wir zahlen nicht für eure Krise” entrollt. Nachdem die Pfiffe und das Trommeln auch nach über einer halben Stunde nicht aufhörten gab Rürup auf und Prömel verkündete das Aus der Veranstaltung.

Rürup war der Reform- und Renten-“Papst“ der grün-rot-schwarzen Ära, bevor er am 19.11. 2008 seinen Karrieresprung zum „Chefökonom“ beim AWD (Allgemeiner WirtschaftsDienst) verkündete. Die AWD Holding AG gehört zu den größten Finanzvertrieben Europas. Als Strukturvertrieb organisiert, vermittelt der AWD die Produkte durch formal selbstständige Handelsvertreter, die auf Provisionsbasis bezahlt werden. Der Gründer des AWD, Carsten Maschmeyer, die selbsternannte „Nr. 1 der unabhängigen Beratung“, vom Stern als „Champion der Klinkenputzer“ klassifiziert, zählt zum Hannoveraner Freundeskreis von Gerhard Schröder. Maschmeyer investierte 1998 kräftig in Schröders Wahlkampf unter dem Motto: „der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein“. Carsten Maschmeyer sprach nach Einführung der Riester- und Rürup-Rente davon, dass seine Branche „wie auf einer Ölquelle“ sitze.

Rürup war die Schlüsselfigur des Rot-Grünen Wortbruches nach der Bundestagswahl 1998. Unter der Parole „gegen den Kohlschen Sozialabbau“ wurde Gerhard Schröder gewählt. Nach der Wahl wurde mit der Agenda 2010, besonders mit den Hartz -Gesetzen und der Riesterschen Rentendemontage der massivste Sozialabbau nach dem 2. Weltkrieg in Szene gesetzt. Eine CDU-Regierung hätte diesen Wunschkatalog der Unternehmerverbände und der Finanzindustrie in diesem Umfang nicht durchsetzen können.

Die Veranstaltung von Rürup war als reine Lobdudelei ausgelegt. Doch dies ist, so sind sich die Protestierenden einig, nicht einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung würdig. Rürup müsse sich der Kritik stellen.

Naturgemäß waren einige der Besucher der Veranstalter enttäuscht, dass sie die Vorlesung nicht hören konnten. Während die meisten friedlich blieben, wurde ein Wirtschaftsstudent jedoch handgreiflich und zerrte einen Protestierenden aus dem Saal. Auch unangenehm war, dass bei dieser Veranstaltung Polizisten in Zivil anwesend waren. Nach deutschem Recht müssen sich Polizisten jedoch bei öffentlichen Veranstaltungen zu erkennen geben, z.B. durch ihre Uniform. Auch gab es noch keine Aussage der Universitätspräsidenten, ob er für die Anwesenheit der Polizei gesorgt hatte, oder ob es sich um eine eigenmächtige Aktion der Polizei handelte.

Prömel und Rürup kündigten noch am selben Tag eine Wiederholung der Veranstaltung an. Bei Bekanntwerden des Termins wird er auf Uebergebuehr veröffentlicht.

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einzig meinem Wissensdurst nachzugehen und mich nicht in einen Studiengang zwingen zu lassen, der nichts wollte als den Studenten in möglichst kurzer Zeit möglichst gründlich für einen Brotberuf zu spezialisieren und jene Ahnung von Freiheit und Universalität in ihm abzutöten.
(Hermann Hesse)